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Bildung für eine nachhaltige Entwicklung - das Leitbild für die Praxis der Umweltbildung in Licherode von Wolfgang Ellenberger
Ganzheitliche Umweltbildung Das Licheröder Umweltbildungskonzept reicht weit über das Erleben und Kennenlernen der Natur hinaus und bezieht weitere wichtige Felder wie z. B. die Ernährungsbildung mit ein. Wir bemühen uns um eine ganzheitliche Bildung, die den ganzen Menschen mit all seinen Facetten im Auge hat. Wir wollen Rücksicht nehmen auf sein Wesen, seine Empfindungen wie seine Befindlichkeit und versuchen, die Persönlichkeit des Kindes bzw. des Jungendlichen zu entwickeln. Mit einer ganzheitlichen Umweltbildung streben wir in Licherode zwei zentrale Ziele an: Die Kinder sollen
- sich als Teil der Natur bzw. Umwelt begreifen
- eine positive Einstellung zur Natur entwickeln und vertreten

Umweltbildung überwindet die weit gehende Verkopfung schulischen
Lernens, versteht sich als Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Dabei
sollten die unterschiedlichen Dimensionen des Lernens berücksichtigt
werden:
- die kognitive Dimension, die sich mit den Lerngegenständen, den Inhalten und Strukturen, d. h. dem Wissen, beschäftigt,
- die affektiv-emotionale Dimension, die Gefühle nicht nur zulässt, sondern das Empfinden fördert,
- die handwerklich-praktische Dimension, in der und konkretes Tun einen Zugang zur Umwelt eröffnet,
- die
körperlich-motorische Dimension, die uns lehrt, unseren Körper zu
erfahren, auf ihn Rücksicht zu nehmen und ihn gesund zu erhalten,
- die
soziale Dimension, in der man lernt miteinander zu leben, zu arbeiten
und zu erleben und die uns verdeutlicht, dass alles Handeln sich immer
in einem sozialen Kontext vollzieht,
- die ästhetische Dimension, die auf die Schönheit von Natur aufmerksam macht,
- die
ethisch-religiöse Dimension, die bei den Heranwachsenden
Wertvorstellungen fördert, die Achtung vor der Schöpfung vermittelt und
die Natur und die Lebewesen als Mitwelt erkennen lässt,
- die
gesellschaftlich-politische Dimension, die darauf hinweist, dass
Umweltprobleme gesellschaftlich bedingt sind und politisch gelöst
werden müssen.
Leitlinien der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung
Bildung für eine nachhaltige Entwicklung greift alle genannten
Merkmale ganzheitlicher Umweltbildung auf, ist aber noch weiter gefasst.
Bildung für eine nachhaltige Entwicklung
- ist nicht wertfrei. Wir wollen Wertvorstellungen
vermitteln, die auf die Achtung des Lebensrechts und der Würde aller
Lebewesen ausgerichtet sind, die das Zusammenleben von Pflanzen, Tieren
und Menschen als Symbiose, als partnerschaftliches Verhältnis
betrachten. Es gilt die Fähigkeit zu einem behutsamen Umgang mit der
Natur zu entwickeln, Empfindsamkeit, innere Betroffenheit, Engagement
und verantwortliches Handeln im Natur- und Umweltschutz zu fördern.
- ist auf den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen der gegenwärtig wie zukünftig lebenden Menschen ausgerichtet.
- bezieht
zur Lösung von Problemen das Wissen und die Denk- und Arbeitsmethoden
verschiedener Fächer / Disziplinen ein und fördert Fächer
übergreifendes Arbeiten.
- berücksichtigt, dass komplexe
Probleme nicht mit linearem und eindimensionalem Denken bearbeitet
werden können, sondern ein Denken in Netzbeziehungen, ein ökologisches
(systemisches) Denken erfordern.
- vermittelt neue
Lernformen, in denen die Lernenden sich aktiv mit dem Lerngegenstand
auseinandersetzen, und entwickelt die Befähigung zum Erkennen wie die
Fähigkeit zum Handeln.
- wendet sich ab von einer an der
Fachsystematik orientierten Stoffvermittlung, greift dagegen Probleme
der Lebenswelt auf und vermittelt die Fähigkeit Fachwissen zur Lösung
von Problemen einzusetzen.

In Bezug auf die Inhalte wird die Bildung für eine nachhaltige
Entwicklung oft im sog. Dreieck der Nachhaltigkeit umrissen:
Wirtschaftlich-gesellschaftliche Entwicklungen in der Ökonomie,
Ökologie und soziale Ziele sollen so in Einklang gebracht werden, dass
die Bedürfnisse der heute lebenden Menschen befriedigt werden, ohne die
Bedürfnisbefriedigung zukünftiger Generationen zu gefährden. Uns
erscheint es indes sinnvoll, das Dreieck der Nachhaltigkeit um den
kulturellen Bereich zu erweitern.
Diese vier Bereiche der Bildung für Nachhaltigkeit sollen in wenigen
ausgewählten Stichworten, die für die Bildungsarbeit in Licherode
besonders bedeutsam sind, umrissen werden:
- Im ökonomischen Bereich greifen wir u. a. Fragen der
ökologischen Produktion und Kreislaufwirtschaft, des
Ressourcenverbrauchs und des Energieeinsatzes und seiner Minimierung
auf, z. B. wenn sich Kinder in einer Umweltbildungswoche mit der
Erzeugung von Nahrungsmitteln in der ökologischen Landwirtschaft
beschäftigen oder als Energiedetektive den Energieverbrauch untersuchen.
- Im ökologischen Bereich wollen wir für die Naturverträglichkeit
menschlicher Eingriffe sensibilisieren und die Verantwortung gegenüber
der Mitwelt aufbauen helfen. Im Mittelpunkt stehen die Gefährdung und
der Schutz der Ökosysteme, die Vernetzung von Lebensbereichen und
Prozessen, ein Verständnis für die Komplexität der Lebenswelt ebenso
wie der Umgang mit Ressourcen und die Belastbarkeit der Ökosysteme. Mit
solchen Fragen kommen Kinder z. B. bei der Untersuchung von
Lebensräumen und Lebensgemeinschaften (z.B. Bach und
Gewässerverschmutzung) wie bei der Untersuchung des Wasserverbrauchs
und der Abwasserbeseitigung in Berührung.
- Im sozialen Bereich möchten wir Verantwortlichkeit,
Solidarität und das Gefühl für Gerechtigkeit stärken. Hier geht es uns
also u. a. um die Verantwortung für unser Handeln gegenüber den
Mitmenschen und der Umwelt, um umweltgerechte Lebensstile und die
Förderung unserer Gesundheit. Dieser Aspekt ist z. B. Mittelpunkt einer
Besser-Esser-Woche; mehr noch aber werden die Ziele des sozialen
Bereichs in den Grundprinzipien der Licheröder Veranstaltungen
deutlich: die Förderung sozialer Kompetenz durch ein entspanntes
Miteinander-Leben und -Arbeiten und durch einen behutsamen Umgang mit
der Natur.
- Im Mittelpunkt des kulturellen Bereichs stehen
für uns der Aufbau eines Weltbildes, ganzheitliche Naturwahrnehmung,
ein kritisches Wissenschaftsverständnis und Denkmethoden (ökologisches
/ vernetztes Denken), Werteorientierung und der Aufbau von Identität.
Vor allem der letzte Aspekt spielt in unseren Umweltwochen eine
herausragende Rolle: Durch die positiven Erfahrungen, die die Kinder
und Jugendlichen - aber auch Erwachsenen - beim Spielen und Lernen,
beim Erleben von Natur und Gemeinschaft und durch das konkrete Erfahren
eines umweltgerechten Lebensstils in Licherode machen, können sie sich
mit den Zielen und Wertvorstellungen der Bildung für Nachhaltigkeit
identifizieren und so ein Leitbild für ihr eigenes Leben gewinnen.
Wesentlich im Sinne der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist,
dass die vier Bereiche bei der Arbeit an einem Thema miteinander
verknüpft, in den Gesamtzusammenhang der Überlegungen und Aktivitäten
integriert werden.
Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist ein hoch komplexes
Konzept, das sich als Leitlinie durch die theoretische wie praktische
Arbeit am Umweltzentrum Licherode zieht. Es bestimmt die Arbeit in
Umweltwochen mit Kindern ebenso wie die in der Aus- und Fortbildung von
LehrerInnen, die Seminarangeboe genauso wie die Ausbildung von
Senioren-Umwelttrainern. Je nach Altersstufe und inhaltlichem
Schwerpunkt werden sicherlich unterschiedliche Akzente gesetzt werden
müssen.
So ist Bildung für Nachhaltigkeit bei jüngeren Kindern eher auf
die Handlungsebene, auf Erleben und Sammeln von Erfahrungen
ausgerichtet. Die Anregung zum eigenen Tun motiviert Kinder zum Lernen,
weckt ihre Neugier. Im ganzheitlichen Arbeiten erkennen sie, was
bedeutsam ist, erfahren, dass alles - auch sie selbst - einen großen
Wert besitzt, und werden unterstützt bei der Stärkung ihres
Selbstwertgefühls. Auf dieser Basis können im Anschluss an Aktivitäten
in Licherode schulische Lernprozesse das Umweltbewusstsein festigen und
Umweltwissen erweitern.
Dazu will das Umweltbildungszentrum Licherode
durch Materialangebote wie durch Unterstützung, Beratung und
Fortbildung seinen Beitrag leisten.
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